Auf der Suche nach aussagekräftigem Datenmaterial ist es um den Nahen Osten schlecht bestellt. Oft kommen die offiziellen Statistiken aus den jeweiligen Staatsministerien, sodass man die Zuverlässigkeit der Zahlen schwer bestimmen kann. Meist decken sie nur kurze Zeiträume ab, die sich kaum für Trendbestimmung eignen, da sie von kleineren Forschungseinrichtungen erhoben wurden. Mit Zahlen lässt sich heute allerhand Politik machen und daher ist ohnehin eine gesunde Skepsis gegenüber dem Material geboten.
Wenn man sich nun mit den Gründen für die Aufstände in Ägypten befasst, dann verraten die offiziellen Zahlen im Allgemeinen kaum ökonomische Probleme. Sicherlich hat Ägypten ein umfangreiches Staatsdefizit angehäuft und die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen mit guter Ausbildung ist relativ hoch gewesen. Trotzdem zeigt die Statistik seit den Wirtschaftsreformen 2004 ein starkes Wachstum und positive Trends in der Beschäftigung. Was war es denn dann, was die Ägypter aller Alterskohorten(!) auf die Straßen trieb? Was hatte im Vorfeld der Januar-Ereignisse 2011 massenhafte Streiks motiviert?
Sicherlich saß Hosni Mubarak schon zu lang im Sattel und der Eindruck, dass die Wahlen 2010 im großen Stil manipuliert worden sind, dürfte das Ressentiment verstärkt haben. Man muss sich aber doch fragen, warum die Machteliten dort und woanders (mit Blick auf die kommenden Wahlen in Putins Russland) überhaupt den Aufwand der Wahlmanipulation betreiben?!
Aber noch mal einen Schritt zurück! Zahlen sind Abstraktionen, die einen hohen Grad an Anschaulichkeit bieten. Sie strahlen allerdings in unseren technologischen Zeiten mehr Autorität aus, als sie oft tatsächlich besitzen und können im Endeffekt zur Verschleierung der Wirklichkeit dienen.
Will man also herausfinden, wie es in Ägypten tatsächlich um den Wohlstand bestellt ist, dann kann es hilfreich sein, einen statistischen Umweg zu wählen. Im aktuellen International Food Policy Report wird dafür vorgeschlagen, sich die Ernährungssituation der Unter-fünfjährigen anzusehen. Die wird zwar auch von staatliche Stelle erhoben, die Bewertung der Messergebnisse ist aber universell von der World Healt Organisation genormt. Wie so oft zeigt sich die Qualität der Versorgungssituation innerhalb einer Gruppe oder in diesem Fall eines Landes an der Versorgungsqualität der schwächsten Mitglieder. Ich habe also die Messergebnisse in einer kleinen Grafik zusammengefasst und das Ergebnis ist erstaunlich.
Etwa 10% aller Unter-fünfjährigen sind untergewichtig bist stark untergewichtig (lebensbedrohlich). Außerdem scheint dieser Wert seit zehn Jahren nicht mehr unter den Stand von 2000 zurückgekehrt zu sein und hat bis 2008 stark zugenommen. Die Entwicklungshemmung bei Kindern lässt auf schlechte Ernährung und den schlechten Zugang zu entsprechenden Nahrungsmitteln schließen. Leider habe ich keine aktuelleren Daten auf die Schnelle gefunden.
Die ökonomische Situation kann also keineswegs für die Erklärung der Aufstände ausgeschlossen werden, auch wenn diese Zahlen nur ein erster Anhaltspunkt sind.
Nachtrag: Noch deutlicher und aussagekräftiger ist die Entwicklung der Körpergröße bei Kindern unter fünf Jahren. Da sich Unterernährung oft in Wachstumshemmung äußert und das Körpergewicht viel eher schwanken kann, liefert ersteres über die Verbreitung von Armut zuverlässigere Aussagen. In Ägypten zeigten 2008 etwa 20% der unter fünf-jährigen Kinder ein Missverhältnis von Größe zum Alter .
geschrieben am 02.03.2012 in Politik, Wirtschaft von · Tim 0 Kommentare
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Nachdem es hier ein Weile still geworden war, werde ich einen neuen Anlauf wagen. Mir ist das Prinzip des politischen bloggens nie ganz klar geworden. Die ritterliche Aufgabe Gegenöffentlichkeiten aufzubauen, in allen Ehren. Aber die Nachrichtenlage ständig zu spiegeln, hat mich nie gereizt. So habe ich bald wieder die Lust an dieser kleinen Seite verloren, bis ich mich heute wieder an sie erinnerte.
Gegenwärtig bin ich dabei eine Hausarbeit für die Uni über die soziökonomischen Hintergründe für die Aufstände im Nahen Osten zu konzipieren. Der Fokus wird dabei auf Ägypten liegen. Die Idee ist, hier die Arbeit zu dokumentieren. Das hat vor allem den persönlichen Vorteil, dass ich meine Gedanken dazu besser in Ordnung bringen kann und möglicherweise den öffentlichen Vorteil, diesen Prozess kritisch und erkenntnisreich mitverfolgen zu können.
Da ich bekennender Statistikmuffel bin und diese Baustelle endlich angehen will, hoffe ich, hier den ein oder andere numerischen Leckerbissen präsentieren zu können, der die politischen Spannungen in Ägypten erhellt.
Zum Auftakt möchte ich auf einen Beitrag von Nate Silver hinweisen, den er vor knapp einem Jahr in seinem Blog veröffentlichte. Silver stellt hier die These vor, nach der Länder mit hohen Öl-Einnahmen, demokratische Reformen länger aufschieben, indem diese Einnahmen eine lockerere Steuerpolitik ermöglichen und im Krisenfall Versorgungsengpässe durch Subventionen (Nahrungsmittel, Treibstoff usw.) ausgeglichen werden könnten. Um diese These zu illustrieren, hat er eine Statistik zusammengestellt, die die Länder Nord-Afrikas und des Mittleren-Osten anhand ihrer Öl-Einnahmen pro Kopf vergleicht. Ägypten liegt mit 32$ pro Kopf deutlich unter dem regionalen Durchschnitt und hat bekanntlich einen starken Demokratisierungsschub erlebt. Der Eigenverbrauch für Öl liegt auf Grund des erheblichen Bevölkerungswachstums mittlerweile über der Förderung, sodass außerdem auf Importe zurückgegriffen werden muss(Vgl. CIA-Factbook). Für ein Öl-armes Land, wie Ägypten, ist die Entwicklung folglich absehbar gewesen.
Silver lässt sich am Ende seines Beitrags zu einer Prognose hinreißen: Libyen, als ein Öl-reiches Land, mit 6.968$ Öl-Einnahmen pro Kopf, würde voraussichtlich nicht Gefahr laufen, in naher Zukunft Demokratisierungsschübe zu erleben. Die Geschichte hat uns eines Besseren belehrt. Das muss die These jedoch nicht grundsätzliche widerlegen. Vielmehr kann das Beispiel Libyen dazu Anlass geben, die interne Struktur jener Öl-Staaten genauer in Betracht zu ziehen, um über die Verteilung der Einnahmen bessere Erkenntnisse zu gewinnen.
geschrieben am 01.03.2012 in Politik, Wirtschaft von · Tim 0 Kommentare
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geschrieben am 01.03.2011 in Kultur von · Tim 0 Kommentare
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Es ist ein dumpfes und ungutes Gefühl, wenn man über die Zukunft Afghanistans nachdenkt. Besonders jetzt, da Amerika den Abzug angekündigt hat. Die Lage ist keineswegs stabil und zehn Jahre nach dem Einmarsch steht Afghanistan vor den Trümmern, die es schon Ende der 90er Jahre aufzukehren galt. Nicht der islamische Fundamentalismus war das grundlegende Problem des Landes. Sondern die Jahrzehnte währenden Fehden von Landlords, Stämmen und Splittergruppen, die um die karstige Kaukasusregion kämpften, deren Boden doch kaum etwas abzutrotzen war. Sie sind es, die das Gewaltmonopol regional heute noch besitzen, wo der moderne afghanische Staat keinen Einfluss mehr hat und immer aufs neue destabilisiert wird.
Da der Staat auf tönernen Füßen steht und nach dem Abzug schwer gefährdet wäre, versucht die NATO nun mit den Stammesmilizen zusammenzuarbeiten. Damit kann regional bisweilen eine gewisse Sicherheit hergestellt werden. Dass damit aber ganz neue-alte Konflikte wieder entfacht werden, die wohl nur am Rande mit der Taliban zutun haben, zeigen Rick Rowley und Jason Motlagh in ihrer eindrucksvollen Reportage “Million Dollar Militia”.
geschrieben am 20.01.2011 in Politik von · Tim 0 Kommentare
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Wikileaks ist in aller Munde und wo viele reden, wollen mindestens noch einmal so viele mitreden. Dadurch ist die Auseinandersetzung mittlerweile sehr verflacht und effektheischend. Wer aber ein wenig tiefer in das Thema einsteigen möchte und einen guten Überblick gewinnen will, dem möchte ich die neuste Folge Alternativlos von Fefe und Frank Rieger empfehlen. Vielleicht auch mal die Gelegenheit, um herauszufinden, wie man im Umfeld des ChaosComputerClubs über das Thema denkt. Ein entspannter, amüsanter und aufschlussreicher Podcast – genau das richtige bei dem feuchten Wetter.
edit: Der schwedische Sender svt hat eine aufschlussreiche Dokumentation über Wikileaks gedreht. Sehenswert!
Part 2, 3, 4.(Netzpolitik.org)
geschrieben am 11.12.2010 in Politik, Technik von · Tim 1 Kommentar
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