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 Die Einheit der Vereinzelten

Nach einer ernüchternden Woche, unter dem Eindruck einer neuen Regierung und einer sich zerpflückenden SPD, bin ich in mich gegangen und habe festgestellt, dass in der Tiefe so manches diskussionswürdige Thema schlummert. Dieser Text ist ein Annäherungsversuch.

Mir ist in den letzten Tagen schon häufiger ein Artikel des Populärphilosophen Richard David Precht unter gekommen, der meine Überlegungen weiter beflügelte. Hier beschreibt er in der Zeit unter dem Titel “Wir wählen uns alle nur selbst” ein beunruhigendes Phänomen. Er zeichnet ein Bild unserer Gesellschaft, die keine mehr ist, da sie in ihre Atome zersplittert. Die Entwicklung von der ‘sozialen’ Gesellschaft zur Individualgesellschaft, die die politischen Prozesse erschwert. Die Konsensbildung ist zäh und erlahmt. Mit ihr schreitet die Entpolitisierung voran. Es folgt eine Passivität, die an der politischen Legitimation kratzt.




“»Wir« – das sind immer die anderen“, denen man sich nicht anschließt. Man kann ihnen Charakteristika zuordnen und ihr Verhalten bis zu einem bestimmten Grad erahnen und vorhersehen. Im marktwirtschaftlichen Sinne ist das mit Trägheit gleichzusetzen, steht der allseits gepredigten Flexibilität entgegen und ist das Todesurteil im Kampf der Konkurrenten. Die Marktteilnehmer tun gut daran, dem spontanen Wechsel der Nachfrage und nichts, außer ihrer Erfüllung zu gehorchen. Und so ist es ratsam, keine all zu großen Bindungen an bestimmte Konzepte, Moralvorstellungen und Glaubensbekenntnissen einzugehen. “Markt- und Markenwirtschaft erzeugen kein Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern moralische Zeitarbeiter ohne Milieubindung“, so Prechts These.

Junge Menschen kennen diese Ängste noch nicht, da sie ökonomisch bezuschusst die Selbstfindung noch aktiv und weitestgehend konsequenzlos betreiben können. Junge Menschen ordnen sich deshalb viel schneller bestimmten Gruppen zu und tragen dies auch offensiv zur Schau. Ab einem bestimmten Punkt aber, ist dann Schluss. Das Kapital kann keine längere Schonung erlauben. Wer sich bis zu diesem Punkt noch nicht charakterlich gefestigt hat, dem wird es in Zukunft nicht leichter fallen. Aber auch wenn, im marktwirtschaftlichen Wettkampf sind ausgeprägt Persönlichkeiten schwer verwertbar, da nicht entsprechend des Angebots bzw. der Nachfrage formbar.

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Richard D. Precht

Die Individualisierung ist also ein starke Tendenz der Gegenwart. Unsere Lebensqualität bemisst sich großen Teils am Monatsgehalt, denn Geld ist unsere Eintrittskarte in immer mehr Bereiche der Gesellschaft. Die Art, wie es verdient, wie gearbeitet wird, ist maßgebend für das Miteinander. Daher ist ein wichtiger Grund für die fortschreitende Vereinzelung in der Arbeitsteilung, die jeden Arbeiter als Zelle des Produktionsprozesses einteilt, zu suchen.

Wo noch im ausgehenden Mittelalter ein Handwerker umfassende Arbeiten ablieferte, werden heute nur noch Maschinen bedient oder kleinste Handarbeiten am Produkt gemacht. Der einzelne Arbeiter hat heute nahezu nichts mehr mit dem Endprodukt zu tun. Die individuelle Beteiligung ist also minimal, sodass er das Bewusstsein für den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, in dem das Produkt entsteht, verliert. Und der Konsument neigt, zu vergessen, dass es sich um menschliche Arbeit handelt, die sich hinter den Waren in den Verkaufsregalen der Supermärkte verbirgt. Der einzelne geht in Massenarbeit und -konsum unter.

Dieser Theorie liegt die Situation der industriellen Revolution zu Grunde. Die großen Fabriken mit hunderten von Arbeitern sind aber im Zuge der Globalisierung und des national-staatlichen Bedeutungsverlusts aus den westlichen Gefilden nahezu verschwunden. Problemlos konnten sie in die Schwellenländer abwandern, wo die Löhne wesentlich günstiger sind. Der spät-kapitalistische Westen funktioniert sich in Folge dessen zu einer Dienstleistergesellschaft um und lässt die Zeit der großen Produktion nach und nach hinter sich.

Little Boxes

Little Boxes

Schwermetallarbeiter finden sich heute in Callzentren wieder. Und es ist kaum zu übersehen, dass sich mit dieser Entwicklung eine nächste Stufe der Individualisierung abzeichnet.  Bloße Stimmen aus Apparaten, floskelhafte Gesten, unvorstellbare Distanzen zwischen Produktions- und Konsumtionsort und das globale Warenhaus des Internets reduzieren den wirklichen Kontakt auf ein Minimum. Der individuelle Mensch scheint austauschbarer denn je.

Verlieren wir den sozialen Halt? Werden wir allein gelassen? Und lassen wir allein? Precht zeigt, dass die gesellschaftliche Vereinzelung weitere Folgen hat. Schwer wiegt, dass mit der Konzentration auf das Individuum, welches sich aus gesellschaftlich gewachsenen Zusammenhängen, wie z.B. der Familie, allmählich löst, ein Identitätsproblem heranwächst. “Wenn Individualität bedeutet, sich selbst treu zu bleiben, und Identität, seinen Werten treu zu bleiben, so gilt: je mehr Individualität, umso weniger Identität”. Was zunächst paradox anmutet, erklärt sich, wenn man bedenkt, dass wie oben beschrieben, Werte feste Parameter bilden, die eine Identität klar benennbar machen. Der ist so und so und mit ihr kommt man nicht besonders gut zurecht, da … Man sieht, dass Werte es ermöglichen, einen Bezug herzustellen, ein Individuum zu beschreiben und einzuordnen -unablässig für jede Form von Gesellschaft.

“Das Label unserer Zeit ist die negative Identität, die inszenierte Nichtzugehörigkeit als Individualitätsnachweis. Wir sind keine Staatsbürger mehr, sondern Investmentbanker unserer selbst. Wer sich selbst treu sein will, verpflichtet sich lieber zu nichts mehr. Wenn es schiefgeht, zieht er sein Kapital an Aufmerksamkeit, Arbeitskraft und Vertrauen ab.”

Individualität steht Identität insofern entgegen, dass man klare Grenzen zwischen den einzelnen Menschen zieht. Das verbindende Element oder Gleiche verneint. In übersteigerter Form betrifft dies dann auch Werte und Moralvorstellungen, die immer eine gesellschaftliche Komponente haben. Diese ‘Befreiung’ vom Definitiven erschwert die Sozialisierung.

Die Familie

Die Familie

Thesen die tief in unsere Psyche vordringen und wichtige Fragen aufwerfen. Kann man in einer Welt voller unabhängiger Individuen, die sich keinen ethischen Gesetzen verpflichtet fühlen, nachhaltige Politik betreiben? Erklärt dies vielleicht u.a. die fallenden Geburtenraten in der westlichen Hemisphäre? Ist der zutiefst menschliche und eindeutige Wir-Akt der Zeugung hierdurch bedroht? Kann man so vielleicht verstehen, wie es zu immer höheren Scheidungsraten kommt? Die Singlegesellschaft?

Richard David Precht sieht eine Gefahr für die Demokratie, die sich klar zu bestimmten Wertvorstellungen bekennen muss, heraufziehen; für die Parteienpolitik, die nicht ohne ein Bekenntnis zu einer bestimmten Programmatik auskommt. Die Erklärung für den stillen Wahlkampf der CDU? Eine Partei, die gerade durch ihre ehemals Betonung konservativer Werte ihre Wählerschafft bindet und heute vor starken inneren Spannungen steht. In diesem Kontext erklärt sich vielleicht auch die immer weiter sinkende Wahlbeteiligung. Da die Parteien den Spagat, zwischen klarer Position und Bewegung auf eine nebulöse Mitte zu, nicht mehr hinbekommen.

Und so scheint ein Tag der Einheit, ein ziemlich anachronistisches Fest zu sein. Wo er doch von Gebilden ausgeht, die sich bis heute, zwanzig Jahre nach der Wende, nicht vereint haben und durch ganz grundlegende Prozesse allmählich unterhöhlt werden.

geschrieben am 05.10.2009 um 15:00 in Kultur, Politik, Wirtschaft von Tim · RSS 2.0 feed.
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