What if…

“What if” – diese Formel ist bezeichnend für einen slowenischen Denker, den ich vor nicht all zu langer Zeit entdeckt habe. Sie zeigt an, dass er sogleich einen weiteren inspirierenden Gedanken bei seiner unorthodoxen Grabung zu Tage fördern wird. Dabei steht alles auf dem Prüfstand, was unserem spätkapitalistischen Moralkomplex Festigkeit verleiht. Er entlarvt unser postideologisches Zeitalter, als eines, ausgeprägtester Ideologie und scheut nicht davor zurück, die alte linke Vision von einer besseren Welt neu zu überprüfen. Die Rede ist von Slavoj Zizek, der dieses Jahr mit “Auf verlorenem Posten” ein lesenswertes Buch vorgelegt hat.
Im Augenblick avanciert der Philosophieprofessor aus Ljubljana zum populären Vordenker einer neuen Kommunismustheorie, für die, in Zeiten der Krise, außerordentlicher Bedarf herrscht. Dabei baut er auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf, dessen dialektische Methode die augenfällige Widersprüchlichkeit des Weltgeistes(gemeint sind hier historische Entwicklungen, die einem vernünftigen Prinzip folgen) auch heute noch zu enträtseln scheint, und Jaques Lacans psychoanalytsche Überlegung des anderen außerhalb des Subjekts, wodurch sich das Subjekt erst konstituiert – “Ich ist ein anderer”. Zizek erklärt durch diese Äußerlichkeit das Funktionieren von Ideologie und Moral.
Das zur methodischen Grundlage. Als progressives Element gibt er noch eine Priese Karl Marx hinzu. Dessen Analyse der kapitalistischen Warenwirtschaft besitzt auch heute noch weitgehend Gültigkeit. Marx schwebte eine Auffassung von Geschichte vor, deren Voranschreiten auf Klassenkämpfen beruht. Eine Konzeption in Anlehnung an Hegel, die der Slowene ebenfalls erneut einführt. Dabei entstaubt er ganz nebenbei Begriffe, wie Proletariat.
Dem einen oder anderen kommen spätestens hier Erinnerungen an Zeiten hoch, die aus guten Gründen in den ewigen Schlaf der Vergangenheit eingegangen sind. Warum also diese Ruhe stören? Weil “die kapitalistische Dynamik, wenn sie sich selbst überlassen wird, ihre eigenen Wurzeln zu untergraben [droht].” Damit hebt Zizek vor allem auf die Auflösung von Vertrauen in das vorliegende System ab – unerlässlich für seine Stabilität. Und tatsächlich, um ein greifbares Beispiel zu wählen, schafft es die Sozialdemokratie in Europa kaum noch den notwendigen Sozialausgleich herzustellen. Das Stichwort SPD kann nicht deutlicher dieses Scheitern illustrieren und in Schweden, Frankreich, England, sieht es nicht viel besser aus. Letztendlich ist das Interesse für Alternativen hausgemacht. Und die Gefahr, dass reaktionäre und autoritäre Ideen ähnlich interessiert aufgenommen werden, ist ebenfalls vorhanden. Zizek sieht in Italien mit Berlusconi an der Spitze eben diese Gefahr heraufziehen.
Dabei ist zu sagen, dass er nicht dafür plädiert realsozialistische Systemkonzepte wiederaufleben zu lassen. Diesen Trugschluss räumt er gleich zu Anfang aus, indem er den französischen Philosophen Alain Badiou zitiert:
“[...] [A]n der Existenz der [Kommunismush]ypothese festzuhalten heißt nicht, daß auch ihre erste Präsentationsform, die um das Eigentum und den Staat zentriert war, als solche festgehalten werden muss. Was uns als Aufgabe, ja sogar, könnte man sagen, als philosophisches Werden zugewiesen ist, ist dabei zu helfen, daß sich ein neuer Existenzmodus der Hypothese herausbildet [...]“
Diese Entwicklung ist – möge man von Slavoj Zizek halten, was man will – daher zu begrüßen, da sie, im allgemeinen Kanon liberaler Ideologie, erfrischende Dissonanzen anklingen lässt. Sie ist erst recht zu begrüßen, wo Populärphilosophen, wie Peter Solterdeijk als Apologeten der Elitenhonoration antreten.
Was aber wenn – what if – eben diese Apologeten verantwortlich sind für das Phänomen Zizek?
Bild: CC by Andy Miah
geschrieben am 12.11.2009 um 13:18 in Kultur, Literatur, Politik, Wirtschaft von Tim · RSS 2.0 feed.
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Ach der Slavoj der musste hier ja früher oda später auftauchen…jetzt kann die idologie im klo runterspülen.
http://www.youtube.com/watch?v=pHt9XY9rIws
wunderbares Video. Was in dem Artikel zu kurz kommt: Das tolle ist, dass er das rüber bringt ohne dabei so scheußlich bierernst zu sein.
Genau! Der Mann hat Bildungs- und Unterhaltungswert vom Allerfeinsten!
Du Glücklicher
Das Buch will ich mir auch schon seit Monaten besorgen, aber ich habe keine Zeit mehr zum Lesen
Vielleicht wird’s über die Feiertage was …
LiGru
Frank