An Deck
Die Fracht
Das BLogbuch
Die Meuterei

 Die Wohlgesinnten

Reichsparteitag_1935





Und eine Sorge bleibt in mir,

Zu hören, was Dunkel der Nacht noch birgt.

Die viel Blut vergossen, entgehen

Dem Blick der Götter nicht. Und praßt

Ein Unwürdiger lang im Glück,

Die schwarzen Erinyen wenden sein Los.

Aischylos, Die Orestie – Agamemnon


Große Literatur kennt keine Konkurrenz. Viel mehr lässt sie diese unbemüht hinter sich oder erfreut sich sogar ihrer Anerkennung. Es bedarf ihr keiner Verkaufskampagne, die alle Vorzüge des Werks aufzählt und “Toll,Toll,Toll!” in die Welt hinaus ruft. Nein, lediglich ihr Funktionieren -sie kennt ihr Thema, dringt ein, untersucht, transportiert, vermittelt und regt letztendlich an- stellt den Garant ihres Erfolgs dar. In Teilen kann das Anregen so gut funktionieren, dass eine Lawine der Empörung und des Jubels gleichermaßen ausgelöst wird. Hitzige Debatten schließen sich an, die bis an die Grenzen gehen. Denn das bahnbrechende Werk bricht tatsächlich die Bahn; scheut kein Gesetz und keine Moral der Prüfung zu unterziehen. Emotional wird es unter diesen Umständen zweifellos.

Wenige Klicks können Reisen von mehreren tausend Kilometern bedeuten und ein Film kann uns in 120 Minuten zu Trauer, Freude, Angst und Anteilnahme bewegen. Dem Literaturbetrieb gelingt es aus diesen und anderen Gründen heute nur schwer die selbe Aufmerksamkeit für seine Ware zu erhalten. Wo sie doch Privilegien hat, die sie für gewisse Stoffe allein qualifiziert. Ein häufig verkanntes Privileg: sich die Zeit nehmen zu können. Jeder der die Erfahrung gemacht hat, dass der Nachhall einer Lektüre über mehrere Wochen oder vielleicht Jahre anhält, dem vielleicht auffällt, dass ihm die Protagonisten ans Herz gewachsen sind, der kennt die Vorcheut kein Gesetz und keine Moral der Prüfung zu unterziehen. Emotional wird es unter diesen Umständen zweifellos.züge der Dauer. Für “Die Wohlgesinnten” gilt Ersteres, denn dass mir Sturmbannführer Dr. Maximilian Aue ans Herz gewachsen wäre, kann ich schwerlich behaupten.

Bild 146-1995-028-28

Viel mehr trifft es zu, dass ich Jonathan Littell über 1400 Seiten begierig ans Herz des Protagonisten gefolgt bin. Ein einsamer und sehnsüchtiger Ort; voller intensiver Emotionen, tiefer Reflexionen und von ungeheurer Sogwirkung; zugleich ideologisch unterkühlt, wie nackter Marmor, abstoßend; aussichtslos, ihn zu durchdringen. So ist Max Aue im Grunde, aber an der Oberfläche ist er ein besonnener Offizier der SS, der gemäß seinen Prinzipien pflichtbewusst handelt -nicht aus militärischer Attitüde, sondern als Nationalsozialist.“Manche Dinge [...] mussten einfach geglaubt werden; das war zweifellos auch eine Frage des Vertrauens.”1, räumt er kritische Argumente seines Kollegen und Freundes Voss zur Rassentheorie, die dieser als völlig unwissenschaftlich entlarvt, aus dem Weg. Die Vision eines menschheitserlösenden Nationalsozialismus scheint Aue über alle Gräuel und moralischen Verwerfungen hinweg zu tragen und all das Leid, ja, das Menschheitsverbrechen schlechthin als notwendiges Übel anzuerkennen. An der Ostfront begleitet er Erschießungen von Bolschewisten, Partisanen und vor allem Juden. Nur selten nimmt er selbst teil. Als kultivierter Mensch verspürt er wenig Lust am Morden.“Der verhängnisvolle Charakter der Ereignisse in Kiew verstärkte nur mein Unwohlsein.”2, raisoniert er über Babij Jar, jener Schlucht bei Kiew, in der eine der größten Massenhinrichtung des zweiten Weltkriegs stattfand und Max Aue seine Schreibtischtäter-”Unschuld” endgültig verliert. Ja, Littells unerhörte Ansicht ist, “Die Nazis hatten” trotz allem “Kultur”. Aber

“Kultur ist kein Schutz. Die Nazis sind der Beweis. Du kannst Beethoven oder Mozart lieben und Goethes ‘Faust’ lesen und trotzdem ein Unmensch sein. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen hehrer Kultur und politischen Möglichkeiten.”3

Diese Synthese ist Sprengstoff für den zeitgenössischen, deutschen Feuilleton. Denn geht sie bisweilen so weit, dass es den Eindruck nährt, gerade dieser kulturelle Hintergrund stehe in direkter Verbindung mit den Verbrechen; ist Stückwerk jener Ideologie.

„[E]s fand sich in Wirklichkeit in der SS kein Intellektueller von solch krimineller Energie und kein Mörder von solcher Kultiviertheit (es konnte sie nicht geben)”4

Dahinter steckt die Idee, dass Geschichte und Kulturgut relativierbar sind. Dass sie nichts korrektives haben, sondern im Sinne der historischen Entwicklung verbraucht werden. In sofern ist es völlig unerheblich, ob jemand intelektuell oder kultiviert war, es gelang den Nationalsozialisten auch dies für ihrer Weltanschauung einzuspannen und kluge Köpfe für fragwürdige Vorhaben zu begeistern.

Bild 183-B17220Little ist auf der Suche “nach den Motiven der Leute, die töten”. Das habe ihn “gefesselt. Viel mehr als die Opfer”. Und so führt uns dieser opulente Roman, der u.a. mit “Krieg und Frieden” von Tolstoi verglichen wurde, durch die Chronik der NS-Zeit; in die Büros der Nazigrößen, wie Heinrich Himmler oder Albert Speer; an die Schauplätze Stalingrad, Auschwitz und das zerbombte Berlin. “Die Wohlgesinnten” besticht durch eine unglaubliche Detailgenauigkeit und ist Produkt ausgiebiger Recherche. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass dem Buch seine Längen vorgeworfen werden, -wimmelt es doch von Abkürzungen, Rängen und Bezeichnungen der einzelnen Divisionen und Verwaltungsabteilungen. Auch die Anklage der Obszönität und der Pornografie, die bisweilen laut wurde, muss sich hinter dem Wagnis relativieren, eine Annäherung an das nationalsozialistische Selbstverständnis zu versuchen. Was Hanna Arendt 1964 in einem Interview mit Günter Gaus treffend als die “Fabrikation der Leichen” bezeichnete (dort aber nicht näher auf diese Übel eingehen wollte), führt uns der Roman direkt und in ungeschönter Weise vor. Ganz in realistischer Manier wird versucht, Bild, Geräuschkulisse und Geruch dem Leser erfahrbar zu machen. Das geht so redundant von statten, dass man bald selber dabei Gefahr läuft zu verrohen; letztlich aber mehr und mehr die Erkenntnis über den moralischen Verfall der Täter zu wachsen beginnt.

Das Besondere in Littlles Buch wird jedoch erst da deutlich, wo dieser Realismus an Schärfe verliert. Ein Moment, das die fiktive Figur Max Aue von Anfang an mit in den Roman bringt und welches fortlaufend immer mehr Raum einnimmt. Denn ausgehend vom Verhältnis des Lesers zur Figur, entzündet sich eine interessante Problematik. Die Geschehnisse sind aus Sicht des beschreibenden Ich erzählt, was schnell beim Leser den Wunsch auslöst, sich mit der Figur zu identifizieren. Schließlich betrachtet man den Raum in dem sie sich bewegt durch die Augen der Figur. Hier aber ist die Identifikation, angesichts der immer wieder auftretenden moralischen Verwerfungen, wie Muttermord, Inzestgedanken oder unreflektiertes Ideologievertrauen, gleichermaßen gestört und stellt den Leser vor einen eigenen moralischen Konflikt. Es resultiert ein interessantes Spiel zwischen der Schuld der Figur des SS-Offizier und dem Bedürfnis des Lesers der Figur möglichst folgen zu können.

„Man vertraut sich mit der Zeit dem Erzähler an. Alles scheint wahr zu sein, was er schreibt. Am Anfang nimmt man das so hin und ist ganz mit Abwehrarbeit beschäftigt. Irgendwann aber ist man erschüttert von der Gegenwärtigkeit des Erzählten.“5

Immer wieder hofft man, dass seiner Nachdenklichkeit endlich die Einsicht folgen möge; dass er endlich die Verbrechen verurteilt und sich von der Schuld befreit. Aber vergeblich. Vermutlich liegt genau an diesen Reibungspunkten das Skandalöse und der Grund für die vielen Verrisse in den deutschen Zeitungen. Im frankophonen Raum, wo das Buch außerordentlich gut aufgenommen wurde, entschärft unter Umständen eine größere geschichtliche Distanz den Skandal.

William-Adolphe_Bouguereau_(1825-1905)_-_The_Remorse_of_Orestes_(1862)“Die Wohlgesinnten” ist ein vielschichtige Roman und der Titel ist ein Schlüssel, ihn richtig einordnen und bewerten zu können. “Eumeniden” ist die griechische Entsprechung des Titels. Eumeniden sind Wesen aus der Mythologie. Sie gehen in Aischylos’ “Die Orestie” aus den Erinyen -Rachegöttinen- hervor. In der Orestie bringt der junge Orest seine Mutter Klytämnestra um. Hiermit will er ihren Mord an seinem Vater Agamemnon vergelten. Die Erinyen verfolgen Orest und wollen ihn Verurteilen. Er findet Zuflucht bei Athene, die ihn freispricht. Die Erinyen lassen ab von Orest und verwandeln sich in die Eumeniden, die Wohlgesinnten. Ist dieser Faden einmal aufgenommen, finden sich etliche Parallelen und Querverweise zu Aues persönlicher Geschichte. Maximilian Aue erscheint als moderner Orest und hat es letztendlich mit eben diesen Rachegöttern zu tun. Auch er kann sich von ihnen befreien und gleichzeitig gelingt es ihm hier nicht. Die Erinyen, die Aue verfolgen, sind nicht länger zu trennen von den Eumeniden. Sie sind eins, nur ihre Form verändert sich.

Im Zentrum des Buchs steht der Versuch sich den Tätern wieder als Menschen zu nähern. Erst dann verlieren sie ihre monströse Faszination und erst dann sind sie schuldig -das reine Böse macht sich nicht schuldig vor dem eigenen Gewissen. Max Aue hat nebulöse Motive für seine Taten und muss Verdrängen, was ihnen zuwider läuft. “Ich bereue nichts: Ich habe meine Arbeit getan, mehr nicht”6, versichert er ganz zu Anfang und doch bezeichnet er sich als “Erinnerungsfabrik”7. Die Motivation seine Geschichte zu schreiben, ist also weniger geschäftiger Natur, als seine Geschichte es in seinen Augen an sich war. Sie lastet ihm an und er schreibt, “um [sich] selber Klarheit zu verschaffen, nicht [dem Leser]“8. Klarheit worüber? Am Ende ist es diese Klarheit, die er gewinnt:

“Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein mit [...] den Kadavern, allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen”9

Die Motivation, die ihn antreibt, seine Geschichte niederzuschreiben ist zugleich die ewige Schuldigkeit, die er zu leisten hat. Denn nach den begangenen Verbrechen gibt es kein danach mehr. Nur noch die ruhelose Strafe eine “Erinnerungsfabrik” zu sein und unaufhörlich den Schrecken des Krieges wieder zu begegnen.

cheut kein Gesetz und keine Moral der Prüfung zu unterziehen. Emotional wird es unter diesen Umständen zweifellos.
  1. DW S. 428f ↩
  2. DW S. 207 ↩
  3. FAZ Lesesaal zu “Die Wohlgesinnten” J. Littell im Interview ↩
  4. Klaus Harpprecht in FAZ 12. März 2008 ↩
  5. Volker Weidermann in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17. Februar 2008 ↩
  6. DW S. 11 ↩
  7. DW S. 10 ↩
  8. DW S. 9 ↩
  9. DW S. 1358f ↩

geschrieben am 01.09.2009 um 14:02 in Literatur, Politik von Tim · RSS 2.0 feed.
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